Auszüge aus:
Nur Vögel können Fliegen
Nur ein Tropfen Vergangenheit



 
 

Der Angler

Die Sonne setzte sich durch. Vereinzelte Regentropfen an den Krüppelbirken und Farnwedeln glitzerten wie Diamanten und verzauberten die Landschaft ringsum. Gleißende Helligkeit, wie es sie nur nach einem Schauer am Meer in den nördlichen Breiten gibt, tauchte alles in ein unwirkliches, wunderbares Licht, verzauberte auch Monikas Stimmung. Sie vergaß die zurückliegenden regenreichen Tage. Gemeinsam mit ihrer Freundin war sie im Norden Schottlands unterwegs. Angelika steuerte ihren klapprigen roten Fiat eine einspurige Straße in den Highlands entlang. Naß und schwarz wie flüssiges Blei lag sie vor ihnen. Es herrschte kaum Gegenverkehr.

Menschenleer zog sich die Heidelandschaft links und rechts der geteerten Lebensader dahin, die einzelne Gebäude und kleine Weiler verband.
Die beiden jungen Frauen waren aus der drangvollen Enge einer deutschen Universitätsstadt geflohen, um sich im Norden Europas zu erholen. Erholung hatten sie auch nötig, so witzelten sie, denn nicht nur das anstrengende Semester lag hinter ihnen, sondern auch die weniger angenehme Erinnerung an die vorangegangenen Semesterferien war noch nicht verflogen. Sechs ermüdende Wochen hatten sie in einer Fabrik Steckverbinder konfektioniert: sprich, immer die gleichen Teile ineinandergesteckt und zusammengelötet. Eigentlich eine Aufgabe für eine automatisierte Fertigung, aber was wäre dann aus ihrem Ferienjob geworden, der den Geldbeutel für diese schon lange erträumte Urlaubsreise aufgefüllt hatte?
»Kaum zu glauben, daß es in Europa noch eine solche Region gibt. Kilometer für Kilometer nur vereinzelte Schafe, Heidekraut, mal ein niedriger Busch, den die Tiere wegen seiner Stacheln noch nicht angeknabbert haben«, meinte Angelika staunend. »Und sonst nichts als Steine, Felsen und Geröll!« Ihre blonden, als Pony geschnittenen Haare umrahmten ein freundliches Gesicht, das von einer kräftigen Nase dominiert wurde.
Sie fuhren eine leichte Anhöhe hinauf, durch eine Schonung. Rechts zog sich ein Einschnitt entlang. Ein Bach hatte sich tief in die metermächtigen Moorschichten eingegraben, doch jetzt, in der Sommerzeit, füllte er das zu groß gewordene Bett nicht aus.
»Richtig friedlich ist es hier«, antwortete ihr Monika versonnen erst nach einer längeren Pause.
»Mmh, fast ein bißchen unheimlich.«
Jeden Abend stellten sie ihr blaues Zelt auf einem Campingplatz oder bei einem der wenigen Schafzüchter auf, obwohl sie zu Hause in Tübingen noch vom Zelten in der Einsamkeit geschwärmt hatten. Nur eine Nacht waren sie mutig genug gewesen, fern von jeder menschlichen Behausung zu biwakieren. Der gruselige Schrei einer Eule hatte sie geweckt, die ausgerechnet auf einer vom Sturm zerzausten Kiefer direkt neben ihrem Zelt gelandet war.
Jedes leise Fiepen einer Maus, jedes Rascheln eines Igels hatte sie danach aufhorchen lassen und ein Weiterschlafen unmöglich gemacht. Monika und Angelika waren alles andere als ängstlich, aber diese ungewohnte Ruhe und Einsamkeit, nur den Geräuschen der Nachttiere ausgesetzt, empfanden die beiden Stadtmenschen eher als Bedrohung. Erst am nächsten Morgen konnten sie über die Erlebnisse der Nacht wieder lachen.
Gerade passierten sie einen dunklen Pkw mit britischem Kennzeichen, der in der Nähe einer gemauerten Brücke in einer Ausweichstelle parkte. Ein abgestelltes Auto - mitten in der Natur - es wirkte wie ein Fremdkörper, es war nicht zu übersehen.
Die Straße schlängelte sich nun zwischen einigen alten Eichen hindurch, den letzten Überbleibseln der einst dichten Wälder in dieser Region. In den vergangenen Jahrhunderten waren diese Stamm für Stamm abgeholzt und in einer längst verfallenen Eisenhütte verfeuert worden. Monika studierte die Landkarte. Es gab nur eine Möglichkeit: immer geradeaus.
Zwischen zwei mannshohen Felsbrocken, die ein Gletscher vor Jahrtausenden hier zurückgelassen hatte, tauchte urplötzlich eine Gestalt auf. Angelika nahm zuerst nur einen blauen Fleck wahr, der nicht zur kargen Landschaft paßte. Irritiert schaute sie nach rechts und trat instinktiv mit aller Kraft aufs Bremspedal.
»Spinnst du?« entfuhr es Monika, die erschrocken in ihrem Gurt hing. Quietschend schoben sich die Reifen über den Rollsplitt. Ihr Fiat drohte auszubrechen, aber zum Glück waren sie nicht sonderlich schnell gefahren.
Monika starrte genauso fassungslos wie die Fahrerin auf eine zerlumpte Gestalt, die unmittelbar vor ihnen auf die Straße gestürzt war. Innerhalb weniger Sekunden war sie aufgetaucht, an einer Böschung oberhalb der Straße. Sie taumelte mehr als sie ging. Fiel den letzten Meter über Steine stolpernd auf die schmale Fahrbahn. Nur zwei Meter vor der Person, die verkrümmt auf dem Teer lag, kam der Wagen zum Stehen.
»Das gibt's doch nicht, wo kommt denn der so plötzlich her?« fragte Monika, ohne wirklich auf eine Antwort zu hoffen.
»Mensch, Moni . . .« Angelika war blaß geworden und ließ den Satz unvollendet. »Fast hätte ich ihn überfahren.« Sekundenlang herrschte Schweigen. Doch dann kehrte Entschlossenheit in Angelikas Züge zurück. »Komm, laß uns mal nachsehen, was los ist.« Sie hatte sich gefaßt, drehte den Zündschlüssel um, schaltete in den ersten Gang und zog die Handbremse an. Langsam öffnete sie die Tür, setzte vorsichtig einen Fuß nach dem anderen ins Freie.
»Nun komm schon«, forderte sie Monika zum Mitkommen auf, die noch immer unschlüssig auf dem Beifahrersitz saß.
Die Gestalt bewegte sich, als Angelika und Monika auf sie zugingen. Kurze braune Haare waren zu erkennen. Das Gesicht war abgewandt.
»Was hat der denn? Wir haben ihn doch nicht angefahren.« Angelika begann zu schwitzen, obwohl sie nur ein T-Shirt trug und ein leichter Wind die Wärme der Sonne wegzutragen schien.
Monika bückte sich und blickte direkt in zwei dunkelbraune angsterfüllte Augen.
»Das is' ja 'ne Frau«, kam es fast flüsternd über ihre Lippen, als auch ihre Freundin in die Hocke ging.
Ein leises Stöhnen verließ die sich öffnenden Lippen. Die Knöpfe der blauen Bluse waren teilweise aus dem Stoff gerissen, einer hing nur noch an einem dünnen weißen Faden herab.
Sie hatten den ersten Schrecken überwunden. Angelika griff vorsichtig unter den Kopf der Frau, stützte sie etwas ab, während Monika sie ansprach. »Was ist passiert?«
»He raped me ...«
Ihre Jeans waren mit moorigem Braun überzogen, dazwischen Grasflecken. Auch die einstmals blauen Wanderschuhe waren mit dicken erdfarbenen Krusten bedeckt.
Betroffen warfen sich Monika und Angelika einen kurzen Blick zu. Hatten sie richtig verstanden? War die junge Frau das Opfer einer Vergewaltigung geworden? Hier, ausgerechnet hier, in dieser friedvoll im Sonnenlicht daliegenden Landschaft?
 

                         [...]

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Untergetaucht

[...]
Roy verließ jetzt auch diesen Pool, ihn zog es ohnehin lieber ins kältere Becken im Freibereich. Er konnte nichts Verdächtiges erspähen und schlenderte über die breite Treppe tropfnaß langsam durch die kühle Morgenluft dorthin, wo er erwartet werden sollte. Vier oder fünf Bademützen bewegten sich hier gemächlich durch das Wasser. Wie kleine bunte Ballons schienen sie auf der Oberfläche zu driften, von magischen Fäden bewegt. Roy begann eine Bahn nach der anderen zu schwimmen, war bereits bei der achten angelangt, als eine Stimme durch den Lautsprecher die erste Wassergymnastik an diesem Tag in der Warmbadehalle ankündigte. Die Stimme klang heute für ihn unwirklich, drang wie durch einen Wattebausch an sein Ohr. Die anderen Schwimmerinnen und Schwimmer folgten der freundlichen Einladung. Roy blieb allein zurück. Wenn schon keiner kommt, dann schwimme ich eben weiter, dachte er bei sich, war er es doch gewohnt, bei jedem Besuch im Leuze mindestens einen Kilometer, 40 Bahnen, zu kraulen, wenn auch nie so früh am Tag. Als er zur Erholung zwischendurch auf dem Rücken eine weitere halbe Bahn zurückgelegt hatte, spürte er die Blicke eines anderen Menschen auf sich gerichtet. Es mußte wieder jemand in das Becken gestiegen sein. Schnell drehte er sich um. Eine grüne Bademütze bewegte sich direkt auf ihn zu.
»Herr Lester?«
»Ja.« Er blickte in ein volles, ovales Gesicht. Die rotbraunen, lockigen Haare waren nicht ganz unter der Bademütze verborgen. Ansonsten trug die Frau - sie mochte um die 30 sein - einen farbenfrohen Badeanzug. »Und wie heißen Sie?«
»Dazu später«, kam die Antwort schnell und fest. »Zum Herumstehen ist es zu kalt«, bemerkte sie. Außerdem war sie nicht sehr groß und mußte ständig mit den Beinen nach unten treten, um nicht unterzugehen.
Langsam schwammen sie nebeneinander her.
»In der Herrendusche hörte sich Ihre Stimme aber ganz anders an«, versuchte Roy das Gespräch locker zu beginnen.
»Es war mein Bruder, der mit Ihnen gesprochen hat«, antwortete sie, ohne auf Roys scherzhaften Tonfall einzugehen. »Sie waren in der Wohnung von Britta?«
»Ja. Woher wissen Sie das?«
»Ich habe Sie mit einer Frau ins Haus reingehen sehen. Eine Polizeibeamtin, die später die Nachbarn befragt hat.«
»Sie sind eine Freundin von Frau Schweizer gewesen?« 
»Ja. Wir kannten uns.«
»So gut, daß Sie in der Wohnung auch Kleider und Wäsche deponiert hatten?«
»Wüßte nicht, was Sie das angeht,« antwortete sie unwirsch.
»Eigentlich nichts, aber ich wüßte schon gerne, ob Sie dort häufig waren oder ob wir weiterhin nach einer Unbekannten suchen müssen?«
»Sie brauchen nicht mehr zu suchen«, kam es nach einer Pause sehr leise zurück.
Waren es Wassertropfen oder weinte die Schwimmerin neben ihm? Roy betrachtete sie nun genauer von der Seite.
Sie war rundlicher als Britta Schweizer, das bemerkte er selbst im Wasser. Fröhliche Sommersprossen überzogen ihr Gesicht. Trotzdem machte sie einen energischen Eindruck. Sie wirkte traurig, ja trauernd, und sie schien nicht so richtig zu wissen, wie sie das Gespräch beginnen sollte.
Teilnahmsvoll sah Roy die Frau an: »Sie haben Britta Schweizer geliebt und wollen nicht, daß ihre Mörder ohne Strafe davonkommen - so ist es doch?« forschte er und versuchte, mit dieser Direktheit ihr den ersten Schritt zu erleichtern.
Deutlich sichtbar rannen ihr jetzt die Tränen übers Gesicht, mischten sich mit den Spritzern des klaren Mineralwassers.
»Nach den schlimmen Ereignissen im vorletzten Jahr hat sie sich mir anvertraut. Wir lebten mehr oder weniger zusammen. Mal bei ihr, mal bei mir. Wir wollten aber nicht auffallen, denn wir sind beide Lehrerinnen an der gleichen Schule gewesen.«
»Und um Tratsch und Klatsch zu umzugehen, spielten Sie und Frau Schweizer die alleinstehenden Frauen.«
»Ja.« 
»Und was wissen Sie über die Erpresser?«

[...]

Bisher hatte sich kein anderer Badegast zu ihnen gesellt. Diese genossen wohl die Becken mit wärmerem Wasser oder reckten und streckten sich noch bei der Wassergymnastik.
Die Liegewiese lag verlassen in der Morgensonne, die nun intensiv durch die letzten Wolkenfetzen drang. Weiße Liegestühle, ein verlassenes Faustballfeld, Tischtennisplatten ohne hüpfende Bälle, Ruhe vor dem Sturm, der sicherlich bald einsetzen würde.
»Ob der auch ein Bad nehmen will?« meinte Roy und zeigte auf einen großen Feldhasen, der von einem Gebüsch aus auf das Grün hoppelte, dann in weiten Sätzen die Liegewiese überquerte. Kein Hundegebell außerhalb des Zauns war zu vernehmen. Was mochte den graubraunen Gesellen aufgeschreckt haben, dachte Roy, der sich an Enten und Erpel als seltene Mitschwimmer gewöhnt hatte, aber Meister Lampe, mit direktem Kurs aufs Mineralwasserbecken?
Jetzt flogen zwei Amseln auf. An der gleichen Stelle. Ein Häher erhob sich kreischend aus der majestätischen Linde.
»Los, schwimmen Sie rein, schnell!« zischte Roy Anja Petrowsky an.
»Was soll ich tun?«
»Abhauen!« Roy wußte nicht, ob er bereits an Verfolgungswahn litt, aber er hatte das Gefühl, eine undefinierbare Gefahr drohe, komme unaufhaltsam näher. Auf der Kopfhaut verspürte er ein leichtes Kribbeln, das ständig zunahm.
»Vielleicht spinne ich auch. Ich kann es Ihnen nicht erklären. Schnell, schwimmen Sie durch die Schleuse rein, und dann weg von den Fenstern.« Der Klang seiner Stimme verriet, daß er keinen Widerspruch duldete, und Anja tat, was Roy sagte. Sie erreichte mit wenigen kräftigen Zügen den Kanal zum Innenbereich. Er selbst zögerte noch. Sah sich um.
Da! Tatsächlich! Zwei Personen rannten über die Wiese, parallel zur neuen Rutsche, waren bereits am unteren Bereich des Abhangs angelangt, an der alten Linde. Sie umrundeten einige Liegestühle, zogen dabei - auch auf diese Entfernung deutlich erkennbar - ihre Waffen.
Bis zum Durchgang würde er es schaffen, dachte Roy blitzartig. Aber dort war noch immer Anja Petrowsky zu sehen. Er mußte einen anderen Weg wählen, sie ablenken. Aber wohin?
Als er am Ende des Beckens anschlug, krachte ein Schuß. Die Wände des Bades warfen den Schall zurück, verstärkten und vervielfachten diesen Ton. Relativ weit entfernt spritzte Erde auf. Die Kugel war von keinem Meisterschützen abgefeuert worden. Dies machte Roy Mut. Er stützte die Hände auf, drückte seinen Körper geschmeidig aus dem Wasser und schnellte bereits aus der Hocke über die Steinplatten hinweg auf den Rasen zu.
Rechts versperrten ihm vier 120-Liter-Mülltonnen den Weg. Schwarz, grün, rot und gelb. Der gelbe Recycling-Eimer bekam einen Streifschuß ab. Die Verfolger schienen näher zu kommen.
Roy versuchte sich jetzt auch als Hase. Schlug Haken, rannte geduckt im Zick-Zack weiter. Über die Schulter warf er rasch einen Blick zurück. Es gab keine Möglichkeit zum Gebäude oder in das weitläufige Freigelände zu entkommen. Sie waren ihm zu dicht auf den Fersen. Der dritte Schuß krachte.
Völlig daneben, frohlockte Roy. Eine der großen Scheiben des Bades war getroffen worden. Scherben flogen durch die Luft. Hysterische Schreie gellten. Die wenigen Badegäste verließen fluchtartig die Kaltbadehalle. Der Ruf nach der Polizei wurde laut.
Roy rannte um sein Leben. Wohin konnte er sich wenden? Eine graue Mauer, hüfthoch, versperrte ihm den Weg.
Endstation, durchfuhr es Roy.
Doch mit einem Satz war er auf der Mauer - und sprang. Zwei Meter tiefer schlug das braune Neckarwasser über ihm zusammen. Untertauchen, jetzt bloß untertauchen. Mehr konnte er nicht denken. Baden war hier nicht erlaubt, aber besser im schmutzig-trüben Wasser entkommen, als an einer akuten Bleivergiftung sterben! In ruhigeren Stunden würde er selbst am meisten über diesen Gedanken lachen, der sich für Sekundenbruchteile in seinem Gehirn festsetzte. 
Roy schwamm unter Wasser, was er sonst verabscheute, nur schnell, schnell ... so schnell war er noch nie geschwommen, nicht mal, wenn ihn Ulrike zum Duell forderte. Die freute sich immer, wenn sie 'ne halbe Nasenlänge vor ihrem Daddy anschlug! Ulrike, Cornelia, Geraldine - plötzlich dachte er an seine Mädchen - und an Eileen - und legte nochmal an Tempo zu. War das wieder ein Schuß gewesen? Unter Wasser klangen die Geräusche so anders.
Er wußte es nicht. Er wußte nur, daß er schwimmen mußte, um sein Leben, im Wasser, das ihm schon einmal zum rettenden Element geworden war, damals - wann war das bloß? - in Edinburgh. Alles war so unendlich weit weg. In seinem Kopf begann es zu hämmern, zu dröhnen, er brauchte Luft. Aber was war das? Ein anderes Geräusch drang an sein Ohr. Ein penetrantes Geheul. Eine Sirene? Roy konnte nicht mehr. Bloß nicht die Besinnung verlieren, war alles, was er denken konnte, und ob er wollte oder nicht, er tauchte auf. Völlig ohne seinen bewußten Willen war er plötzlich an der Wasseroberfläche, schnappte nach Luft, spie Wasser, hustete - alles gleichzeitig.
Das Geräusch, das er undeutlich unter Wasser vernommen hatte, war das Martinshorn eines Polizeiwagens, der soeben mit Blaulicht über die König-Karls-Brücke aufs Mineralbad Leuze zuraste. Ein erlösender Ton. Dennoch schwamm Roy Lester weiter, wie ein Automat, nur weg, weg vom Ufer. Mit weit ausholenden Bewegungen der Arme durchpflügte er die Neckarfluten und versuchte, sich dabei erst mal zu orientieren.
In der Flußmitte wartete ein Schiff auf die Einfahrgenehmigung in eine Schleuse, die weiter unten errichtet worden war, als der Neckar vor Jahrzehnten bis Plochingen schiffbar gemacht wurde. Auf dem Frachtkahn, der tief im Wasser lag, war eine Frau zu sehen, die den rot-weißen Rettungsring von seinem Halter löste. Gezielt warf sie ihn Roy zu und zog die Leine, die am Ring befestigt war, langsam zu sich heran. Roy erreichte mit wenigen weiteren Zügen das Schiff. Mit Hilfe der Frau hievte er sich hoch und blieb erstmal schnaufend sitzen. Alles um ihn herum schien sich zu drehen und zu bewegen, das Sonnenlicht hatte irgendwelche schwarz-tanzenden Punkte, ihm war ja so übel.
»Danke«, keuchte er nach einer Weile.
»Was is'n hier los? Wir ham Se im Neckar schwimmen sehen, und dann war'n da auch Schüsse.« Ganz sicher war sich die Frau nicht, ob sie einen fliehenden Verbrecher oder einen Hilfesuchenden aus dem Wasser gefischt hatte.
»Da wollten mir zwei unfreundliche Zeitgenossen ans Leder. Vielen Dank für Ihre Hilfe. Können Sie mich an Land setzen?« japste Roy, um Luft und Fassung ringend.
»Na ja, am besten an'er Schleuse«, kam's gedehnt zurück.
»Würden Sie über Funk dort Bescheid sagen, daß man die Polizei benachrichtigt? So möchte ich nicht allzu lange herumtraben.«
»Ich hol Ihnen ma'n Handtuch.« Die grauhaarige Frau um die 60 war sichtlich froh, dem Richtigen Hilfe geleistet zu haben.
Sie eilte in die Kajüte und kam mit einem blau-weiß-gestreiften überbreiten Badetuch zurück, während ihr Mann in die Schleuse steuerte.
Notdürftig trocknete sich Roy an Bord der ›Maria‹ ab, einem mit Metallschrott beladenen Binnenschiff. An der Schleuse waren zwei Polizeibeamte zu erkennen, die bereits auf Lester warteten. Mit zitternden Knien kletterte er über ein paar Sprossen der Metalleiter auf die Schleusenmole, nachdem er sich nochmals herzlich beim Schiffer und seiner Frau bedankt hatte. Fast hätte er das Handtuch um seinen Hals vergessen, aber er warf es dem Schiffsjungen im Hochsteigen noch zu.
Mißtrauisch verfolgten die Polizeibeamten jeden Schritt, als er auf ihrer Höhe angelangt war.
»Wer sind Sie? Was ist vorgefallen?«
»Mein Name ist Roy Lester. Im Leuze wurde auf mich geschossen, da bin ich eben im Neckar untergetaucht. Aber Mineralwasser schmeckt echt besser!« Roy versuchte zu scherzen, was aber offensichtlich nicht auf viel Gegenliebe zu treffen schien.
»Kommen Sie bitte mit«, war die kurze Antwort.
Links und rechts gingen jetzt neben Roy Lester, der nur seine Badehose trug, zwei Polizeibeamte her. Ihre vorschriftsmäßige Dienstbekleidung, einschließlich Mütze, gab einen malerischen Kontrast ab - und kurz vor dem Streifenwagen wurde das Bild auch schon festgehalten. Ein Fotograf der Boulevardzeitung Blitz war rechtzeitig zur Stelle gewesen. Harald Zeller würde sich freuen.
»Hallo, Herr Lester«, rief der Fotograf losprustend, nachdem er ein halbes Dutzend Bilder geschossen hatte, »können Sie sich den Eintritt ins Leuze nicht mehr leisten? Müssen Sie unbedingt das Neckarwasser noch mehr verunreinigen?«
»Sie haben gut lachen.« Er zwinkerte. »Sagen Sie Harald Zeller, daß ich noch einige zusätzliche Hinweise für ihn habe. Und ich hätte gerne einen schönen Abzug - fürs Familienalbum!« Roy schien sich langsam wieder zu regenerieren.
»Geht klar. Wann hat man schon einen solchen Auftritt?« Er folgte dem ungleichen Trio. »Was soll ich noch aufnehmen?«
»Das Schwimmbad, wenn Sie reingelassen werden. Das Außenbecken ganz hinten.«
»Okay. Danke.« Und schon war er im Laufschritt verschwunden.
»Hier, nehmen Sie das.« Einer der Beamten hatte eine Wolldecke aus dem Kofferraum geangelt. »Wo haben Sie denn Ihre Kleidung?«
»Im Mineralbad - wo denn sonst? Ich würde mich gerne duschen und anziehen.« Noch immer etwas unsicher über die Tragweite des Vorfalles, hakte der jüngere Beamte nach: »Sind Sie der Journalist, der über diese Erpresserbande berichtet hat?«
»So ist es. Und anscheinend hat das jemandem nicht gepaßt. Würden Sie Kriminaloberrat Säuerle anrufen und ihn bitten, zum Leuze zu kommen?«
Nach einer kurzen Fahrt parkte der Polizeiwagen am Hintereingang, durch den Roy noch nie das Bad betreten hatte. Dort erwartete sie bereits eine Polizistin. Roy durfte in die Dusche gehen, in der die dramatischen Ereignisse des heutigen Tages ihren Anfang genommen hatten.
Der eigentliche Badebereich war inzwischen fast gänzlich geräumt worden. Murrend und diskutierend hatten sich die wenigen Gäste angezogen und im bunt gestalteten Eingangsbereich an der Kasse und am Trinkbrunnen versammelt. Die einladenden Sitzgruppen fanden jetzt aber ebensowenig Beachtung wie die Aquarelle einer Stuttgarter Malerin - das Leuze bot lokalen Künstlern stets ein begehrtes Forum. Das gesamte Bad vermittelte auf zurückhaltende Weise den Eindruck eines ›begehbaren‹, erlebbaren Kunstwerks, denn Architektur und Raum bildeten, zusammen mit der wirkungsvollen farblichen Gestaltung durch Otto Herbert Hajek, eine Einheit. 
Soeben hatten mehrere Polizeibeamte mit der Befragung der Badegäste und der Aufnahme der Personalien begonnen, doch Zeugen des Vorfalles gab es keine. Erst nach den Schüssen waren die anderen Badenden aufmerksam geworden. Die meisten hatten ohnehin an der Wassergymnastik teilgenommen und rein räumlich keine Sicht auf das hintere Außenbecken. Bei manchen Badegästen war der erste Schreck verflogen, und sie bestellten bereits Kaffee und Kuchen oder die typischen schwäbischen ›süßen Stückle‹ am spätsommerlich dekorierten Verkaufsstand der Stuttgarter Bäckerei Breuninger, die mit appetitlich frisch zubereiteten Backwaren und Getränken Kunden anlockte.
Mufflig roch er zwar nach dem Bad im Neckar nicht, auch ein Ölfilm hatte ihn nicht überzogen, aber Roy schrubbte dennoch mit seiner Waschlotion mehrmals den ganzen Körper ab. Mineralwasser von innen und außen war ihm wirklich lieber. Dann ließ er das warme Wasser genüßlich über seinen Nacken und Rücken plätschern. Äußerlichen Schaden hatte er keinen genommen, aber hinter dem rechten Schulterblatt hatte er sich verzerrt. Ein Fall für Eileens Spezialmassage, dachte er.
»Sind Sie durch den Ausguß geflutscht, Herr Lester?« riß ihn eine bekannte Stimme aus seinen Gedanken.
»Nein, bin noch da, Frau Bessler! Warum kommen Sie nicht nachsehen, wenn Sie mir nicht glauben?«
Sein Lachen ging in Säuerles lautstarker Bemerkung unter: »Das könnte Ihnen so passen.« Der Kriminaloberrat hatte den letzten Satz Lesters gerade noch gehört, als er durch die zweite Tür den Duschraum betrat.
»Ich bin gleich abgetrocknet. Wollte nur auf Nummer sicher gehen, daß mein kostbarer Körper durch das Neckarwasser keine Fisch-Schuppen bekommen hat.«
»Sie haben Sorgen, Mann. Fast könnten wir Sie als Leiche aus dem Neckar fischen, und Sie scheinen nur an ihren hübschen Body zu denken! Typisch Mann!« lästerte die Kriminalkommissarin.

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