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Auszüge aus:
Nur Vögel können
Fliegen
Nur ein Tropfen
Vergangenheit
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Lichter
im Dunkel
Mit einem leisen Brummen
fährt der helle Sportwagen die kurvenreiche Straße zum Schurwald
hinauf. Nur wenige Fahrzeuge kommen Marianne Petermann entgegen. Sie denkt
an die merkwürdigen Vorgänge, die sie, ihren Mann und insbesondere
die Petermann-Werke seit Wochen in Atem halten. Sie fühlt sich Drahtziehern
im Hintergrund ausgeliefert, die ihren Mann aus dem Unternehmen verdrängen
wollen. Nun ist sie auf dem Weg zu ihrer besten Freundin, um sie über
die neueste Entwicklung zu informieren, sie aber auch um ihren Rat zu bitten. |
In der milchigen Dämmerung
huschen die Lichter der Fahrzeuge, die stadteinwärts fahren, an ihr
vorbei. Sie bemerkt sie kaum. Diese Strecke ist ihr bestens vertraut, und
in Gedanken versucht sie wieder und wieder die dichten Nebelschleier zu
zerreißen, die den Blick auf eine nur schemenhaft erkennbare Gruppe
von Menschen verdecken, die die Macht in den Petermann-Werken ergreifen
wollen. Aber noch fehlt der Ansatzpunkt, der rote Faden, der die Zusammenhänge
erkennen lassen würde.
Plötzlich erscheinen
wie aus einer anderen Welt zwei grelle Lichtkegel. Marianne Petermann wird
aus ihrer Gedankenwelt gerissen. Ein Kleinlastwagen schießt mit aufgeblendeten
Scheinwerfern auf sie zu. Sie wird stark irritiert, kann kaum noch die
Straße erkennen. »Was soll denn das?« schreit Marianne
voller Entsetzen, denn der Kleinlastwagen versucht, frontal ihr Fahrzeug
zu rammen. Gibt es noch eine Chance zu entkommen? Marianne packt das Steuer,
zieht nach rechts, spürt wie das rechte Vorderrad gegen den Bordstein
schlägt, ihr Wagen an der Kante entlangschrammt, dann überwindet
der Reifen die Stufe zum Gehweg. Lebensrettende Zentimeter trennen sie
nun von dem blauen Kleinlastwagen, der direkt hinter der Fahrertür
in ihre linke Seite knallt.
Ein gewaltiger Stoß
erschüttert das Fahrzeug, Marianne wird nach vorn geworfen, zur Seite
gerissen, der Sicherheitsgurt greift und hinterläßt blaue Striemen
auf der Haut. Glasscheiben zersplittern, Regalböden fliegen durch
die Luft, Dosen, Gemüse und Obst ergießen sich auf den hellen
Pkw: Marianne Petermann ist im
Schaufenster des Feinkostgeschäfts
Bauer gelandet.
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[...]
Rasende Widder
»Wir fahren nach Cape
Wrath«, erzählte Eileen Edgar und Lucy während des Frühstücks.
»Heute spielt bestimmt das Wetter mit. Bis zum Abend soll's nicht
regnen«. Im Balnakeil Golf-Hotel verkündeten auch die Petermanns
ihren Ausflug nach Cape Wrath. Jeder Gast im Frühstücksraum wurde,
gewollt oder ungewollt, Ohrenzeuge. Bald kamen sie in Wanderkleidung und
mit einem Rucksack wieder aus dem Zimmer nach unten und gingen zu ihrem
Auto.
Sie fuhren von Balnakeil
in Richtung Durness, um dort ein Stück auf der A 838 in Richtung Süden
zu fahren. Dann bogen sie nach rechts ab und parkten etwa zweihundert Meter
von einem aus Natursteinen gemauerten Pier am Kyle of Durness entfernt.
Dort würde das Motorboot anlanden, um die Besucher von Cape Wrath
über diesen weit ins Land hineinreichenden Meeresarm zu befördern.
Sie warteten einige Minuten, und da sahen sie bereits den Mercedes von
Lesters ebenfalls in das schmale Sträßchen einbiegen. Nach einer
kurzen Begrüßung marschierte die nun siebenköpfige Gruppe
zur Abfahrtsstelle, wo noch andere Personen beieinander standen. Am gegenüberliegenden
Ufer löste sich das Bootchen aus dem Schatten des Ufers und kam bei
ruhiger See gut voran.
Nach wenigen Minuten legte
es an, und die Wartenden stiegen in das schaukelnde Gefährt.
Roy sah sich beim Einsteigen
alle Passagiere genau an. Keiner wirkte verdächtig. Urlauber am Beginn
eines schönen Sommertages. Keine Einzelpersonen. Der Fährmann
wollte gerade das Haltetau lösen, als sich ein Fahrzeug näherte
und hupte. Eine schlanke junge Frau mit langen schwarzen Haaren, ansonsten
ganz weiß gekleidet, stieg aus, rannte zur Anlegestelle und sprang
behende ins Boot. Alistair McDonald half ihr zur hinteren Sitzbank, wo
neben Eileen und Ulrike noch ein Platz frei war. Leinen los, und kaum hatte
das Motorboot den Schutz der felsigen Küste verlassen, begann es auf
den niedrigen Wellen zu hüpfen.
»Nur gut, daß
es fast windstill ist«, murmelte Cornelia.
Mit schottischem Akzent
erläuterte McDonald den Ablauf des Tages. Sie würden mit zwei
Kleinbussen die 20 Kilometer lange Strecke zum Leuchtturm am Cape Wrath
zurücklegen, und etwa alle zwei Stunden bestünde dann die Möglichkeit,
wieder zurückzufahren. Unter strahlend blauem Himmel wechselten die
Touristen das Fortbewegungsmittel.
»Nun hat das Geschaukel
ein Ende.« Einer der Mitreisenden atmete auf, doch sie schienen vom
Regen in die Traufe zu geraten.
Kaum saßen alle auf
ihren Sitzen, da gab McDonald Gas, daß es den Mercedes-Kleinbus durchzitterte.
Über eine holprige und kurvenreiche einspurige Straße ging es
in den Nordwesten, durch eine kahle, fels- und moordurchsetzte, heidekrautbewachsene
Landschaft. Der Fahrweg paßte sich dem Gelände an, mal ging's
steil bergab in ein Bachbett, bald wieder bergan über eine Felskuppe.
Auch der Fahrer des nachfolgenden Busses schien einen neuen Rekord aufstellen
zu wollen und stand McDonald bei seiner abenteuerlichen Fahrweise in nichts
nach. Bei jedem Schlagloch hob es die Passagiere von den Sitzen, in jeder
Kurve drückte es sie gegen den Nebensitzer oder die Verkleidung des
Busses.
»Der hält die
Piste wohl für eine Teststrecke«, lachte Roy.
Die kleinen Fenster im oberen
Bereich schepperten, an jeder Steigung stöhnte der Motor unter der
Belastung auf, denn McDonald schien über einen Bleifuß zu verfügen.
Die Heidelandschaft raste
an den Betrachtern in einem geradezu wahnwitzigen Tempo vorbei. Das Sträßchen
nach Cape Wrath wurde zur Rennstrecke, und alle Passagiere waren froh,
als es den letzten Abhang bei dieser Achterbahnfahrt hinunterging: der
mächtige Leuchtturm von Cape Wrath leuchtete weiß im Sonnenlicht.
Das Abenteuer Busfahrt endete vor einem Nebengebäude, in dem eine
Ausstellung über den Leuchtturm und seine stürmische Geschichte
im Entstehen war.
Nach dem Aussteigen trennten
sich die Wege der Buspassagiere. Drei junge Männer mit starken Ferngläsern
machten sich in Richtung Clò Mór auf, den höchsten Klippen
des britischen Festlands. Sie hatten sich schon im Bus über die Vögel
unterhalten, die sie beobachten wollten, hofften, Papageientaucher anzutreffen.
Eine jüngere und eine Frau mittleren Alters ließen sich in der
Nähe des Leuchtturms nieder.
Familie Lester wollte die
sonnigen Stunden nutzen und den Blick auf das scheinbar unendliche Meer
genießen. Sie kletterten einen sanft ansteigenden Hügel hinauf,
denn von dort aus öffnete sich der Blick auf die Landschaft rund um
den Leuchtturm. Oben angekommen, war es nach Roys Meinung Zeit für
eine Erfrischung. Die mitgebrachten Getränke, der Coleslaw - ein Weißkraut-Möhren-Sellerie-Salat
- die Tomaten und die Sandwiches wurden schnell weniger. Sie hatten einen
gemütlichen Platz im Windschatten oberhalb einer zerfallenen Funkstation
gefunden.
Eine Stunde verging wie
im Fluge, und die Busse brachten bereits die nächsten Touristen. Friedlich
graste eine Schafherde auf den mit zahllosen Steinen durchsetzten Weiden.
»Hier könnte
ich bleiben, es ist so ruhig hier am nordwestlichsten Zipfel Europas«,
sagte Eileen leise. Doch von der Unruhe der Kinder, die die Gegend erkunden
wollten, ließen sich auch sie und Roy anstecken. Sie stiegen in Richtung
auf den Leuchtturm hinunter und bogen um die Ecke eines niedrigen Gebäudes,
das früher als Werkstatt gedient hatte. Es stand fast leer, denn die
Besatzung des Leuchtturms war abgezogen worden; alle Funktionen wurden
nun elektronisch gesteuert und per Funk überwacht.
»In solch einem Leuchtturm
zu leben, das wäre cool«, sagte Ulrike schwärmerisch, erntete
aber nur Kopfschütteln von ihrer älteren Schwester.
Lesters wandten sich nach
links und passierten den Leuchtturm an der Seeseite. Ein gewaltiges Nebelhorn
faszinierte nicht nur die Mädchen, sondern auch die Erwachsenen. Mächtig
mochte das Tuten erklingen, wenn das meterlange Horn in Betrieb war. So
manches Schiff war durch seine Signale vor einer Havarie an der unwirtlichen
Küste geschützt worden.
»Die Schafe haben
gar keine Angst vor uns«, rief Geraldine begeistert aus, denn sie
grasten friedlich nur wenige Meter von ihnen entfernt. Jede weitere Annäherung
war jedoch zwecklos, denn die Tiere achteten darauf, daß der Sicherheitsabstand
stets gleich blieb, der sie von den Menschen trennte.
»Die sind ja arm dran!«
Geraldine hatte zwei Schafe erspäht, die abgesondert im alten und
verwilderten Gemüsegarten der Leuchtturmwärter grasten. Eine
steinerne Mauer hinderte sie daran, sich zu der Herde zu gesellen. Beim
Herantreten an die Mauer war sofort erkennbar, warum die beiden nicht bei
der Herde aus Muttertieren und Lämmern weilten: es waren zwei ›rams‹,
männliche Schafe.
Undeutlich erklang plötzlich
von rechts ein Schrei. »Hey, Roy, Eileen, danger!!! «Roy drehte
sich um, sah eine weiß angezogene Frauengestalt gestikulierend zwischen
Leuchtturm und Nebengebäude hervortreten. Linda rannte auf die Lesters
zu, doch ihre Rufe waren nicht klar zu verstehen.
Aufschlagende Wellen, eine
leichte Brise brachte verrostete Drähte zum Klingen ...
Sie schien auf irgendetwas
hinzuweisen, doch worauf? »Da!« entfuhr es Roy.
Hinter dem Pferch stand,
wie aus dem Boden gewachsen, eine Gestalt. Schmal, nicht allzu groß,
eine jüngere Frau mit dunkelbraunen, sehr kurzgeschnittenen Haaren.
Sollte diese Frau Linda so erschreckt haben? »Lauft weg, in Deckung,
das ist...« Nur bruchstückhaft war ihr Satz zu verstehen, und
sie rannte in schnellem Tempo auf die Lesters zu.
»...der Schütze!«
wie ein Blitzschlag durchfuhr es Roy. Nur wenige Meter von ihnen entfernt
stand der, nein, die Schützin. Sie hatte in Balnakeil am Golfplatz
geschossen!
Diese Frau zog nun mit der
rechten Hand einen Revolver unter der braunen Jacke hervor. Fast zu schwergewichtig
lag die Waffe in ihrer Hand. Der stählerne Lauf zielte auf Roy.
»Runter!« Er
packte Eileen, die rechts neben ihm stand und warf sich so kräftig
wie möglich gegen sie. Mitgerissen stürzten auch die Kinder zu
Boden.
»Los, dicht an die
Mauer, Kopf runter!« Roy und Eileen drückten die Kinder an den
Boden. Links war die solide Mauer aus dicken Felsbrocken, rechts waren
sie durch die verrostenden Teile einer alten Dampfmaschine gedeckt.
Roy war froh darüber,
daß die Leuchtturmwärter diese Eisenteile nicht verschrottet,
sondern hier ganz einfach ihrem Schicksal überlassen hatten.
Die Angreiferin sah die
Lesters wegtauchen, und aus den Augenwinkeln erkannte sie Linda als die
eigentliche Gefahr. Im vollen Lauf versuchte diese, ihre Waffe zu ziehen
und zu zielen. Zu spät.
Ein Schuß zerriß
die trügerische Ruhe. Die Frau hinter dem Gemüsegarten war schneller.
Linda spürte einen harten Schlag am rechten Oberarm, wurde zurückgeworfen,
ihre Waffe flog zwei Meter entfernt ins Gras. Nun war sie aus
der Schußlinie, denn
die Mauern des aufgelassenen Gemüsegartens verdeckten die Sicht für
die Schützin. Die Frau mit den dunkelbraunen Haaren erreichte mit
fünf, sechs Schritten das Ende der Mauer und hatte Linda wieder im
Visier.
Brutal krachte der nächste
Schuß. Linda hatte sich inzwischen wieder erhoben. Hechtete in Richtung
auf einen Steinhaufen. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Oberschenkel.
Aber sie landete hinter aufgeschichteten Felsbrocken.
Kein Ziel war nun für
die Attentäterin mehr zu erkennen. Lesters lagen aus ihrer Stellung
heraus unsichtbar zwischen Mauer und Überresten der Dampfmaschine.
Sie wollte nicht aufgeben. Wandte sich ab, vermutete die Lesters auf der
anderen Seite des Gemüsegartens. Versuchten sie, in Richtung auf die
Klippen zu entkommen?
Blökend und in wildem
Galopp rannte die Schafherde zwischen den Gebäuden umher. DieSchüsse
hatten sie in Todesangst versetzt. Ein Lämmchen verfing sich im Stacheldraht,
begann jämmerlich zu klagen.
»Ach Gott, du armes
Schäfchen«, Geraldine hatte sich aufgerappelt, um die hilflose
Kreatur aus ihrer mißlichen Lage zu befreien. Geistesgegenwärtig
schnellte Eileens Arm vor. Sie erwischte ihre Jüngste gerade noch
am unteren Hosenbein und zerrte das sich heftig wehrende Kind zu sich her.
Beruhigend sprach sie auf das Mädchen ein, das sich aus Mitleid mit
dem verletzten Tier kaum zurückhalten ließ.
»Bleibt hier liegen«,
flüsterte Roy seiner Frau zu, drehte sich vorsichtig um und robbte
an der Mauer des Gemüsegartens entlang. Er hatte sein Taschenmesser
mit zitternden Fingern aus der Hosentasche geangelt und aufgeklappt. An
der Stirnseite war ein Durchlaß mit einem hölzernen Tor verschlossen.
Ohne sich aufzurichten, schnitt Roy zwei Hanfseile durch, die das Tor festhielten.
Die aufgeschreckten rams stießen am Ausgang zusammen, drängten
sich durch die Engstelle, sprangen mit einem Satz aus der Mauer heraus.
Die Frau mit der Waffe hatte sich einige Meter vom Gemüsegarten entfernt,
war in Richtung Meer gegangen, um einen besseren Überblick zu erhalten.
Irritiert riß die Schützin den Arm herum. Richtete die Waffe
auf die beiden Widder. Noch unentschlossen blickten sich die männlichen
Schafe um. Ihre Mähne am Kopf verlieh ihnen das Aussehen grimmiger
Entschlossenheit.
Der dritte Schuß peitschte
durch die Luft. Er galt Roy, der sich etwas zu weit vorgewagt hatte, so
daß die Frau seine markante Kopfbedeckung für Sekundenbruchteile
zu Gesicht bekam. Doch die Kugel verfehlte ihn. Sie zog
eine blutende Furche über
den Rücken eines der Widder. Wütend setzte dieser jetzt auf die
Schützin los. Der zweite ram folgte ihm. Ein merkwürdiger Anblick!
Mit allem hatte die Frau gerechnet, doch nicht mit angreifenden Widdern.
Überrascht trat sie
zwei, drei Schritte zurück. Zu spät. Einer der Widder hatte sie
mit gesenktem Kopf attackiert.
Sein Gehörn riß
ihr am Knie die braune enge Hose auf. Sie stolperte. Wich zurück.
Unter ihr brach die Grasnarbe ab. Grasbüschel flogen durch die Luft.
Die Erde schien sich zu bewegen. Gras, Erde, Steine rutschten weg, rissen
von den Seiten ab. Die überhängende Grasfläche gab nach,
stürzte in die Tiefe. Die taumelnde Gestalt versuchte, das Gleichgewicht
zu halten. Vergebens. Sie trat weitere Erdstücke los. Verlor endgültig
den Halt. Fiel nach hinten.
Der Revolver entglitt ihrer
Hand. Ihr markerschütternder Schrei gellte durch die Luft. Sie ruderte
mit den Armen.
Aber nur Vögel können
fliegen.
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